Der Zaun wächst zu einem Baum. Ob ihn jemand repariert, entscheidet der Nachbar.
2 117 Pferche in Nordtansania sind Zäune, die in lebende Bäume eingewachsen sind; ein kontrollierter Vergleich schreibt ihnen 99,9 Prozent abgewehrter Nachtangriffe zu. In Kenia erwies sich die Entfernung zur nächsten verstärkten Boma als bester Vorhersagewert dafür, ob die eigene repariert wurde.
Eine traditionelle Boma ist ein Ring aus abgehauenen Dornzweigen um das Gehöft, und in der Maasai-Steppe im Norden Tansanias steht sonst nichts zwischen dem Vieh einer Familie und der Nacht. Gebaut wird sie aus Akazie, die nichts kostet und überall wächst, und sie beginnt an dem Tag zu versagen, an dem sie fertig ist. Die Zweige trocknen aus, unten öffnen sich Lücken. Ein Löwe, der sich entschieden hat, kommt durch, und am Morgen zählt der Besitzer, was von der Herde übrig ist, und dann zieht jemand los, um den Löwen zu suchen. Wegen dieses letzten Punktes interessieren sich Ökologen für Zäune.
Was inzwischen an über zweitausend tansanischen Gehöften steht, heißt Living Wall. Ein Trupp schneidet Äste von Commiphora, dem Baum, den man hier afrikanische Myrrhe nennt, und setzt sie im Kreis um das Gehöft in eine flache Furche. In dieselbe Furche kommt ein Maschendrahtzaun, der an den stehenden Ästen festgebunden wird. Dann tun die Stecklinge, was Commiphora immer tut: Wurzeln schlagen und wachsen. Die Pfosten werden zu Bäumen. Der Draht landet in ihnen drin.
Bis Ende 2025 zählte African People & Wildlife — die Organisation, die Laly Lichtenfeld leitet und die in sechs Landschaften Nordtansanias arbeitet — 2 117 Living Walls in 80 Gemeinschaften, 24 634 Menschen, die dahinter leben, und 276 684 in den Zaun eingewachsene Bäume. Das Feldteam sieht auch in den folgenden Jahren nach den Bauten. Ein Viertel der Baukosten zahlt der Besitzer selbst. Merken Sie sich dieses Viertel, es kommt weiter unten zurück.
Woher die 99,9 Prozent stammen
Die meisten Texte über Living Walls beginnen mit der Zahl 99,9 Prozent, und es lohnt zu wissen, was dafür gemessen wurde. Lichtenfeld, Charles Trout und Elvis Kisimir veröffentlichten den Vergleich 2015 in Biodiversity and Conservation: 62 verstärkte Bomas gegen 84 unverstärkte, die Rate nächtlicher Raubtierangriffe, 1 790 Boma-Monate Beobachtung. Die verstärkten hielten 99,9 Prozent der Nachtangriffe ab. Nach dem Bau wurde an keinem Gehöft mit einer Living Wall ein Löwe getötet.
Starke Zahlen. Das Seltsame an dieser Arbeit ist, dass es sie überhaupt gibt.
Auf diesem Feld ist fast nichts überprüft worden
2017 ging eine Gruppe um Ann Eklund von der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften die Fachliteratur von 1990 bis 2016 durch und suchte Belege dafür, dass irgendetwas von dem, was man gegen Nutztierrisse durch große Beutegreifer unternimmt, die Verluste tatsächlich senkt. Herdenschutzhunde, Einzäunung, Abschuss von Raubtieren, Elektrohalsbänder, Sterilisation, akustische und optische Vergrämung, die Umstellung auf eine Nutztierart, die seltener gerissen wird — all das geschieht im großen Maßstab, über Kontinente hinweg, meist mit öffentlichem oder Spendengeld.
Studien mit Fall-Kontroll-Design: einundzwanzig. Das waren 3,7 Prozent der gesichteten Publikationen.
Der Schluss war nicht, dass die Maßnahmen scheitern. Der Schluss war, dass fast niemand nachgeprüft hatte und deshalb niemand etwas sagen konnte. Legt man Eklunds Arbeit neben die von Lichtenfeld, fällt an der tansanischen auf, dass eine Naturschutzorganisation einen kontrollierten Vergleich gegen ihr eigenes Vorzeigeprogramm durchführte und die Zahl druckte, die dabei herauskam.
Wenn sie kaputtgehen
Verstärkte Bomas gehen kaputt, und auch dazu gibt es eine Studie. Sie stammt aus einem anderen Land und von einem anderen Programm, und das ist wichtig.
Im August 2018 nahmen David Owino Manoa und sieben Mitautoren 88 raubtiersichere Bomas im Amboseli-Ökosystem im Süden Kenias auf, eine Stichprobe aus 294 Bauten der Jahre 2012 bis 2018. Siebenundfünfzig davon — 64,8 Prozent — waren beschädigt. Die Ergebnisse erschienen 2022 in Oryx.
Drei Variablen sagten den Schaden voraus. Holzpfosten schnitten deutlich schlechter ab als Pfosten aus Recyclingkunststoff: In der Stichprobe war jede einzelne Boma mit Holzpfosten beschädigt, gegenüber 55 Prozent der Bomas mit Kunststoffpfosten. Bomas mit weniger Vieh waren in schlechterem Zustand, was die Autoren so lesen, dass Schäden nicht repariert werden, und nicht so, dass mehr Schäden entstehen. Und die dritte Variable war die Entfernung zur nächsten anderen raubtiersicheren Boma. Je weiter die verstärkte Boma des Nachbarn entfernt stand, desto wahrscheinlicher war die eigene kaputt.
Das Beste, was man also darüber wissen kann, ob ein Bauwerk repariert wird, ist, wie nah das nächste steht. Die Autoren nennen es ein soziales Element und behaupten vorsichtig nicht, den Mechanismus zu kennen: zusehen, wie es gemacht wird; wissen, wen man nach Draht fragt; das einzige Gehöft auf dem Kamm sein, dessen Zaun sichtbar durchhängt. Für den, der das Geld ausgibt, ist die Folgerung trotzdem scharf. Nehmen Sie dieselben Materialien, dasselbe Budget und dieselbe Zahl Bomas, verteilen Sie sie dünn über einen Bezirk, statt sie an einem Ort zu bündeln, und fünf Jahre später steht eine andere Landschaft vor Ihnen.
Amboseli ist nicht die Maasai-Steppe, und jene Bomas sind keine Living Walls. Living Walls haben Bäume statt Pfosten, die in der kenianischen Studie wichtigste Variable fehlt dort also, und die Programme führen verschiedene Leute unter verschiedenen Bedingungen. Aber instand halten muss man überall, und das Viertel der Kosten, das der tansanische Besitzer zahlt, ist eine Antwort auf genau diese Frage.
Derselbe Instinkt, auf Gras angewandt
Im Oktober vergangenen Jahres gewann African People & Wildlife auf dem Weltnaturschutzkongress der IUCN in Abu Dhabi den ersten Tech4Nature-Preis in der Kategorie NatureTech Stewards, für eine Arbeit ohne einen einzigen Löwen darin. Eingereicht hat sie Neovitus Sianga, der Direktor der Organisation für gemeinschaftsbasierten Naturschutz und Umwelt.
Das Programm bildet Dorfbewohner zu Habitatbeobachtern aus. Einmal im Monat gehen sie ihr eigenes Weideland ab und tragen Grashöhe, Vegetationsdeckung, Bodenzustand und Anzeichen invasiver Arten ins Telefon ein; die Daten laufen in Dashboards, die die Gemeinschaften selbst lesen. Danach werden die Herden von den überlasteten Flächen weggeführt, und die Renaturierung kommt dorthin, wohin die Daten zeigen. Die zum Preis verschickte Zusammenfassung nennt über 800 000 Acre unter gemeinschaftlicher Bewirtschaftung und rund 20 000 wiederhergestellte Acre.
Die eigene Meldung der IUCN zum Preis enthält weder Flächenangaben noch ein gemessenes Ergebnis, und keine veröffentlichte Studie sagt bislang, was aus dieser Weide ohne die Beobachtung geworden wäre — genau die Lücke, über die sich Eklunds Gruppe beklagt hat.
Was ein Zaun nicht behebt
Eine Living Wall schützt das Vieh nachts. Tiere gehen auch bei Tageslicht verloren, draußen auf der offenen Weide beim Hirten, und keine Einzäunung berührt das. Die Löwen stecken aus Gründen in Schwierigkeiten, die weit über die Vergeltung hinausgehen: Weideland umgewandelt und wilde Beutetiere weggeschossen, die verbliebenen Bestände zerschnitten in Stücke, die zu klein sind, um untereinander Tiere auszutauschen. Selbst das Ausmaß des Problems ist umstritten. Die Arbeit von Hans Bauer und Mitautoren aus dem Jahr 2015, die den ostafrikanischen Löwenbeständen eine Halbierung binnen zweier Jahrzehnte voraussagte, bekam in derselben Zeitschrift einen veröffentlichten Einwand und eine veröffentlichte Erwiderung.
Dann ist da das Geld. Der Besitzer zahlt ein Viertel, also kommen drei Viertel von außen, und von außen heißt Fördermittel, die jeweils für einen Haushaltszyklus verlängert werden.
Zweitausend Bauwerke in achtzig Gemeinschaften, ein Viertel der Kosten bezahlt von denen, die dahinter wohnen, gebaut aus einer Pflanze, durch die man mit jedem Jahr im Boden schwerer hindurchkommt, und ein veröffentlichter Vergleich, der sagt, dass sie ihre Arbeit tun. In einem Feld, in dem 96 Prozent der Literatur nie etwas gegen eine Kontrolle geprüft haben, sind das ungewöhnlich viele Dinge in der richtigen Reihenfolge.
Quellen
- Living-Walls-Programm, African People & Wildlife — https://www.africanpeoplewildlife.org/our-work/programs/living-walls
- L.L. Lichtenfeld, C. Trout, E.L. Kisimir, „Evidence-based conservation: predator-proof bomas protect livestock and lions“, Biodiversity and Conservation 24, 483–491, 2015 — https://link.springer.com/article/10.1007/s10531-014-0828-x
- A. Eklund, J.V. López-Bao, M. Tourani, G. Chapron, J. Frank, „Limited evidence on the effectiveness of interventions to reduce livestock predation by large carnivores“, Scientific Reports, 2017 — https://www.nature.com/articles/s41598-017-02323-w
- D.O. Manoa u. a., „Drivers of predator-proof boma disrepair in the Amboseli Ecosystem, Kenya“, Oryx 57(2), 196–204, 2022 — https://doi.org/10.1017/S0030605321001642
- „Tech4Nature award – NatureTech Stewards winner: Community-led technology for resilient rangelands in Tanzania“, IUCN — https://iucn.org/news/202602/tech4nature-award-naturetech-stewards-winner-community-led-technology-resilient
- „Winners of the inaugural Tech4Nature Awards announced at IUCN World Conservation Congress in Abu Dhabi“, IUCN, Oktober 2025 — https://iucn.org/press-release/202510/winners-inaugural-tech4nature-awards-announced-iucn-world-conservation
- H. Bauer u. a., „Lion (Panthera leo) populations are declining rapidly across Africa, except in intensively managed areas“, PNAS, 2015 — https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.1500664112
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