HALO verlässt das Kosovo nach 27 Jahren. Der Rest der Arbeit gehört jetzt dem Kosovo selbst
Am 23. September 2026 beendete der HALO Trust nach 27 Jahren sein Programm im Kosovo. Von 585 Minen- und Bombenopfern seit 1999 fielen 438 in die ersten zwei Jahre. Entscheidend war die Räumung, die Flughafen, Autobahn und Bergwege öffnete; rund 6,67 km² Streumunition räumt das Kosovo nun selbst.
Im Sommer 1999 war die Altstadt von Gjakova im Westen des Kosovo zum großen Teil Asche. Häuser und Läden waren niedergebrannt, die Hauptmoschee samt Minarett im Mai desselben Jahres gezielt zerstört worden. Heute ist die Altstadt im hölzernen osmanischen Stil wieder aufgebaut, rund um eine Hauptstraße voller Cafés und Restaurants, in denen fast immer Betrieb ist.
Am 23. September 2026 gab der HALO Trust, die britisch-amerikanische Hilfsorganisation für Minenräumung, bekannt, dass die humanitäre Minenräumung im Kosovo abgeschlossen ist und das Programm endet. Agron Boshtraj kam 1999 ins Kosovo-Team von HALO und hat das Land gesehen, wie es am Anfang aussah. „Ich bin gerade aus Gaza zurückgekommen, und die Zerstörung dort kommt mir sehr bekannt vor“, sagte er der Organisation. „So sah das Kosovo aus, als die Flüchtlinge 1999 nach Hause kamen.“
Die meisten Medien titelten schlicht: Die Minen sind weg. Ganz so ist es nicht.
Der erste Monat
Im Krieg 1998/99 wurden mehr als 800.000 Kosovo-Albaner aus ihren Häusern vertrieben. Als sie im Juni zurückkehrten, fanden sie auf ihren Feldern und Schulhöfen zwei Arten von Gefahr. Die jugoslawische Armee hatte die Grenzen zu Albanien und Montenegro vermint. Die NATO hatte über Jugoslawien mehr als 10.000 Bombeneinsätze geflogen, und jede Streubombe, die über Zielen im Kosovo abgeworfen wurde, trug Hunderte Submunitionen. Nach Schätzung von HALO explodierte etwa jede fünfte nicht.
Tom Dibb, der bis heute für HALO arbeitet, fuhr damals in einem minengeschützten Land Rover aus dem HALO-Programm im Kaukasus ein. „Der NATO-Konvoi fuhr am 12. Juni ein, der humanitäre Konvoi folgte am 13. Juni, mit der HALO-Minenräumung an der Spitze“, erinnert er sich. „Als wir in Priština ankamen, warfen die Leute Blumen auf uns.“
Am schlimmsten war der erste Monat nach dem Krieg: Rund 150 Menschen wurden durch Sprengkörper getötet oder verletzt. Der Landmine and Cluster Munition Monitor, der das Kosovo seitdem beobachtet, zählt zwischen 1999 und 2024 insgesamt 585 Opfer von Minen und anderen explosiven Kriegsresten, 117 Tote und 468 Verletzte. Davon fielen 438 in die Jahre 1999 und 2000, bevor irgendjemand eine geordnete Erkundung und Räumung aufgebaut hatte. Für die Familien waren die Submunitionen das grausamere Erbe. Laut Monitor verletzten sie fünfmal so viele Kinder wie die Minen. Kinder heben sie auf.
Nach 2000 brachen die Zahlen ein und blieben unten. Der letzte Vorfall, den der Monitor aufführt, stammt aus dem Jahr 2019: Eine Frau und vier Kinder wurden durch Handgranaten verletzt.
Welcher Boden zuerst geräumt wird
Bis 2025 hatten die HALO-Teams im Kosovo eine Fläche von mehr als 2.800 Fußballfeldern geräumt. Mit dieser Zahl beginnen Hilfsorganisationen gewöhnlich, und Atholl Stewart, der letzte Programmleiter von HALO im Kosovo, hält sie für die falsche. „Die eigentliche Wirkung der Räumung von Minen und Streubomben misst sich nicht in geräumten Hektar“, sagt er, „sondern darin, was dieses Land mit der Zeit möglich macht.“
Der Flughafen Priština, über den heute fast fünf Millionen Passagiere im Jahr fliegen, konnte erst ausgebaut werden, nachdem ein nahe gelegenes Minenfeld geräumt war. Die Autobahn E851 führt durch Orlat, wo zuerst Hunderte Streubomben aus dem Boden geholt werden mussten. Oberhalb der Stadt Peja nahe der albanischen Grenze arbeitete HALO von 2020 bis Juni 2024 an einem steilen, bewaldeten Hang im Nationalpark namens Zatra, einer Fläche von 53 Fußballfeldern. Das Team fand 26 Submunitionen vom Typ BLU-97. „Es ist so steil, dass ein großer Detektor, den zwei Leute tragen, kaum zu gebrauchen war“, sagt Teamleiter Luigj Bisaku. „Oft mussten wir kleine Handgeräte nehmen.“ Peja hatte 2023 150.000 Besucher, und viele kommen genau wegen dieser Wanderwege.
Stewarts Gespür wird von der Forschung gestützt, und zwar aus einem anderen Land. Giorgio Chiovelli, Stelios Michalopoulos und Elias Papaioannou untersuchten Mosambik, das 1992 als schwer vermint galt und sich 2015 für minenfrei erklärte. Sie legten die vollständigen Räumungsdaten neben Satellitenbilder der nächtlichen Beleuchtung, ein gängiges Maß für lokale Wirtschaftstätigkeit. Landesweit war der Zusammenhang zwischen Räumung und Wachstum positiv, aber bescheiden. Stark wurde er dort, wo der geräumte Boden etwas verband, entlang von Verkehrswegen und rund um Handelsplätze, während er auf abgelegenem Ackerland schwach blieb. Die Autoren rechneten außerdem durch, was gewesen wäre, wenn Mosambik zuerst und abgestimmt die alten Verkehrskorridore geräumt hätte statt in der zerstreuten Reihenfolge, die es tatsächlich gab. Der Gesamtgewinn wäre nach ihrer Schätzung erheblich gewesen.
Liest man das Kosovo mit diesem Befund im Kopf, wird die Hektarzahl zur Nebensache. Ein Flughafen, eine Autobahn und ein Wanderweg waren Engpässe, bis jemand sie mit einem Detektor abgegangen war.
Eine Organisation, die ihren Abschied plant
„Die meisten humanitären Einsätze enden nie“, schrieb HALO in seiner Mitteilung. „Unsere schon.“ Der Satz ist teils Werbung, aber eben nur teils. Programme, die als vorübergehend gedacht waren, werden leicht zu Dauereinrichtungen, weil die Organisation dahinter die Arbeit braucht. Minenräumung hat ein ungewöhnlich klares Erfolgskriterium, und es zu erfüllen heißt, die Sachen zu packen.
Was HALO zurücklässt, sind vor allem Menschen. Die meiste Zeit beschäftigte das Programm mehr als hundert einheimische Männer und Frauen, in einem Land, in dem Arbeit knapp ist, besonders für Frauen. Ab 2018 zahlte HALO Zuschüsse zur Kinderbetreuung, damit Mütter die Stelle annehmen konnten. Kosovaren, die dort ausgebildet wurden, leiten heute HALO-Einsätze in Syrien und der Ukraine, berichtet Positive News, und Boshtrajs Reise nach Gaza deutet darauf hin, dass die Liste länger ist. In der Ukraine beschäftigt HALO inzwischen rund 1.500 ukrainische Mitarbeiter, und laut Cluster Munition Monitor 2026 wurden dort im vergangenen Jahr mindestens 927 Menschen durch Streumunition getötet, 87 Prozent aller weltweit.
Was nicht erledigt ist
Tatsächlich ist nicht aller Sprengstoff aus dem Boden. HALO hat aufgehört. Die Arbeit nicht. Die Organisation übergibt „etwaige Restbelastung“ an die kosovarischen Behörden für Minenräumung, und davon gibt es mehr, als das Wort Rest vermuten lässt. Das Kosovo Mine Action Centre (KMAC) meldete im Januar 2025, dass noch rund 6,67 Quadratkilometer mit Streumunition belastet waren. Norwegian People's Aid, 2014 ins Kosovo zurückgekehrt, nachdem das Zentrum bestätigt hatte, dass das Problem größer war als gedacht, räumt bis heute in nördlichen Gemeinden, die bei der frühen systematischen Arbeit leer ausgingen. Die eigene Minenräumungsstrategie des Kosovo nennt 2030 als Zieljahr.
Das Geld wird knapper. Mine Action Review berichtet, dass die Räumleistung im Kosovo 2025 zurückging, unter anderem weil die Vereinigten Staaten in dem Jahr ihre Förderung aussetzten. Und die Überlebenden kamen die ganze Zeit zuletzt. Der Monitor stellt fest, dass es im Kosovo bis heute kein eigenes Programm zur Unterstützung der Opfer gibt und das Gesetz über Kriegsopfer oft willkürlich angewandt wird.
Nichts davon macht ungeschehen, was erreicht wurde. Ein Land, in dem 1999 und 2000 438 Menschen getötet oder verstümmelt wurden, kommt heute jahrelang ohne einen einzigen erfassten Unfall aus. Die Lebenserwartung ist laut HALO von 58 Jahren während des Krieges auf 78 gestiegen, die Wirtschaftsleistung liegt über 14 Milliarden Dollar. Die Diaspora in Deutschland und der Schweiz konnte Geld für den Hausbau nach Hause schicken, weil es sicheren Boden gab, auf dem man bauen konnte.
Stewart sagt es besser als jede Hektarzahl. „Die Minenräumung war nicht das Ergebnis des Wiederaufbaus im Kosovo“, sagt er. „Sie war eine der Voraussetzungen, die ihn möglich gemacht haben.“ Den restlichen Boden räumt das Kosovo jetzt selbst.
Quellen
- The HALO Trust, „HALO clears the way for Kosovo's future“, 23. September 2026 — https://www.halotrust.org/news/halo-concludes-humanitarian-landmine-clearance-in-kosovo/
- The HALO Trust, „Kosovo: clearing explosives, creating jobs“ (Programmseite) — https://www.halotrust.org/where-we-work/europe-and-caucasus/kosovo/
- The HALO Trust, „Clearing the dangers on Kosovo's Accursed Mountains“, 19. Juli 2024 — https://www.halotrust.org/news/clearing-the-dangers-on-kosovos-accursed-mountains/
- Landmine and Cluster Munition Monitor, Länderprofil Kosovo: Opfer und Opferhilfe — https://the-monitor.org/country-profile/kosovo/impact
- G. Chiovelli, S. Michalopoulos, E. Papaioannou, „Landmines and Spatial Development“, NBER Working Paper 24758, Juni 2018 — https://www.nber.org/papers/w24758
- Norwegian People's Aid, Programm im Kosovo — https://www.npaid.org/mine-action-and-disarmament/where-we-work/kosovo
- Mine Action Review, Kosovo — https://www.mineactionreview.org/country/kosovo
- The HALO Trust, „Cluster bombs killed record numbers of civilians in 2025“, 8. September 2026 — https://www.halotrust.org/news/unexploded-cluster-bombs-kill-more-than-ever-before/
- Positive News, „What went right this week“, Woche 39/2026 — https://www.positive.news/society/good-news-stories-from-week-39-of-2026/
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